Jubiläumsvorstellung: 20 Jahre TheaterKompagnieStuttgart

Der Krieg ist der Vater aller Dinge

Theater-Kompagnie Stuttgart führt im Saalbau am selben Abend „Die Troerinnen“ von Euripides und „Lysistrate“ von Aristophanes auf

Von Holger Pöschl

Auf den Trümmern von Troja gibt es im Grunde nur Verlierer: Hekuba (Cornelia Elter, Mitte) rechnet mit Helena (Elena Vodolazkina) ab. Menelaos (Semjon E. Dolmetsch, rechts) und die anderen Griechen schauen zu.

Auf den Trümmern von Troja gibt es im Grunde nur Verlierer: Hekuba (Cornelia Elter, Mitte) rechnet mit Helena (ElenaVodolazkina) ab. Menelaos (Semjon E. Dolmetsch, rechts) und die anderen Griechen schauen zu. ( Foto: LM)

 
 
 

«Neustadt». Woher die Begriffe tragisch und komisch kommen, wurde im Saalbau vielleicht noch nie so anschaulich vor Augen geführt wie am Donnerstag beim „Griechischen Abend“ der „Theater-Kompagnie Stuttgart“: Auf tiefstes menschliches Leid in den „Troerinnen“ des Euripides folgte da die auch nach mehr als 2400 Jahren immer noch unglaublich originelle Sex- und Polit-Burleske „Lysistrate“ nach Aristophanes. Stimmig war beides, auch und gerade in dieser Kombination.

Selbst wenn man Pathos nicht mag: Hekuba, die Königin von Troja, hat allen Grund, mit dem Schicksal zu hadern. Ihre Stadt ist zerstört, ihr Mann und alle 13 Söhne ermordet. Sie selbst kann mit ihren Töchtern und den anderen Troerinnen nur noch abwarten, welchem der griechischen Sieger sie als „Beutestück“ zugeteilt wird. Oder ob man sie nicht gleich an Ort und Stelle tötet – so wie ihre Tochter Polyxenia, von der irgendwann zu hören ist, dass sie am Grab des Achill geopfert wurde, oder besser: abgestochen wie ein Tier auf der Schlachtbank.

Diese Szene ist nicht zu sehen. Ansonsten aber spart die Inszenierung von Cornelia Elter, die auch selbst die Rolle der alten Königin übernimmt, nicht an expliziter Gewalt – und immer sind die Frauen die Opfer. Kassandra, auch sie eine Tochter Hekubas, wird gleich zu Beginn brutal vergewaltigt und später vom Griechen Talthybios so zusammengeschlagen, dass ihr das Blut aus dem Mund quillt. Andromache, die Frau des toten Hektor, schleifen die Sieger, allesamt Glatzköpfe in schwarzer Ledermontur, wie einen Sack von der Bühne. Ihr Kind, ein gewickeltes Bündel noch, wird von den Mauern der Stadt geworfen. „Europa fürchtete sich vor ihm, deshalb musste es sterben“, kommentiert Hekuba das bitter.

Elters Inszenierung ist auf der einen Seite ausgesprochen klassisch, auf der anderen aber wieder ungemein modern. Für die archaische Note sorgen nicht zuletzt die hohe, gebundene Sprache, der Chor der Troerinnen, die perkussive Musik, das Zeltlager mit seinen riesigen Stangen und wallenden Tüchern, die antikisierenden Kostüme der Frauen. Modern wirken der extreme Naturalismus – Bernd Köhler als Talthybios zum Beispiel pisst auf offener Bühne in einen Eimer –, vor allem aber die vielen, geradezu zeitlos aktuellen Themen, die Euripides hier anpackt. Walter Jens hat die „Troerinnen“ einmal als das „erste vom Geist des humanistischen Pazifismus geprägte Drama Europas“ bezeichnet. Tatsächlich fallen einem nicht viele Stücke ein, die den Wahnsinn des Krieges, die Wunden, die kein Sieg zu heilen vermag, so eindringlich auf die Bühne bringen.

Und was für starke Frauenrollen hier aus der Frühzeit des abendländischen Theaters auf uns gekommen sind! Hekuba natürlich, aber auch Kassandra (Elisa Bohnstengel), die Prophetin, die mit ihrem Gesang für Gänsehautmomente sorgt, oder Andromache (Tamara Thomke), die um ihr Kind kämpft, obwohl sie eigentlich keine Hoffnung hat. Und da ist natürlich auch Helena (Elena Vodolazkina), die Schöne, die den Krieg einst auslöste und nun mit allem, was ihr zur Verfügung steht, um ihr Leben kämpft. Vor allem mit ihren Reizen.

Modern ist auch, dass die Drahtzieher im Hintergrund bleiben. Von den höheren Chargen bekommt nur Menelaos (Semjon E. Dolmetsch), Helenas gehörnter Ehemann, einen Auftritt, bei dem er sich als arger Schlappschwanz erweist. Ansonsten treten die Männer nur als fiese, brutale Handlanger auf. Erstaunlich, wie schonungslos der Grieche Euripides hier die Griechen zeichnet. Und welche Würde er den „Barbarinnen“ aus Troja zukommen ließ. „Wer ist hier der Barbar?“, fragt Andromache zu Recht. „Das Ich und das Andere“ gab’s eben schon in der Antike.

Und selbst die höchsten Fragen werden behandelt: Tragen die Menschen die Verantwortung für das Gemetzel, oder ist alles nur die Schuld der Götter, wie Helena behauptet, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen? Doch dann wären die Menschen ja nur Marionetten, führt Cornelia Elter als Hekuba in ihrer messerscharfen Analyse aus. Die unabwendbare Schicksalsbestimmung „von oben“ hat ausgedient. Der Krieg entsteht im eigenen Kopf. „Der Gott, der kein Gott ist, schaut zu“, heißt es zum Schluss.

Harte Kost ist das. Das wussten schon die alten Griechen und führten bei den Großen Dionysien in Athen einst nach drei Tragödien (!) immer auch ein Satyrspiel auf. Komik zur Befreiung der Seele. Und so bot auch die „Theater-Kompagnie Stuttgart“ nach anderthalb Stunden „Troerinnen“ und einem hektischen Umbau hinter dem Vorhang in der Pause noch am gleichem Abend die „Lysistrate“ von Aristophanes – als wunderbar witzige, erotisch aufgeheizte Frauenkomödie, bei der die äußerst spielfreudigen Darstellerinnen, die bei Euripides nur Opfer waren, nun die Initiative übernehmen und dem Comedy-Affen so richtig Zucker geben.

Auch hier spielt Cornelia Elter die Haupt- und Titelrolle. Als geschickte Führerin, eine Art Elder Stateswoman, versammelt sie die Frauen Griechenlands unter ihrer Fahne, um den sinnlosen Krieg der Männer per Sexstreik zu beenden. Eine wunderbare Idee, aus der sich viele komische Funken schlagen lassen. Sätze wie „Will er mich locken, hau’ ich ihm in die Glocken“ sorgen da für viele Lacher. Ebenso die schrillen Kostüme und die skurrile Männertruppe, die zur „Star Wars“-Melodie mit einer Riesenrakete einmarschiert. Wie überhaupt angesichts der Fülle an phallischen Symbolen selbst eine Frage wie „Wie steht’s in Sparta?“ eine doppelte Bedeutung bekommt.

Viel stärker als bei den „Troerinnen“ setzt Elter dabei auf aktuelle Anspielungen bis hin zur Merkel-Raute oder der als riesiger Safe ausgeführten „Zentralbank“, die die Frauen besetzen. Sehr lustig ist das. Gelacht wird. Das eigentliche Thema ist aber das Gleiche wie bei Euripides: der Krieg. „Hätten wir Sprache, hätten wir das Wort, wir bräuchten die Waffen nicht“, lautet der letzte Satz. Dem ist nichts hinzuzufügen.

"Das Leben ist ein wandelnder Schatten nur;
Ein armer Spieler, der auf der Bühn' ein Stündchen prahlt und tobt
und dann nicht mehr gehört wird,
`s ist ein Märchen, erzählt von einem Narrn,
voll von Klang und Wut…"

"Macbeth" von William Shakespeare